Sprechstunde für Kinder mit Rett-Syndrom
Herzlich willkommen in unserer Spezialsprechstunde für Kinder mit Rett-Syndrom am TUM/kbo Zentrum für Seltene Entwicklungsstörungen! Wir begleiten betroffene Kinder, Jugendliche und ihre Familien nach individuellem Bedarf und im Verlauf. Unser Ziel ist es, betroffene Kinder und ihre Familien von der Diagnosestellung an kompetent, empathisch und langfristig zu begleiten.
Wir verfolgen einen umfassenden und familienzentrierten Ansatz. Dabei stehen nicht nur medizinische Aspekte im Fokus, sondern auch die Entwicklung, Lebensqualität und Teilhabe der Kinder im Alltag, Kindergarten und Schule. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Eltern, Bezugspersonen und externen Fachstellen ist für uns essenziell. Die Sprechstunde gehört zum TUM/kbo Zentrum für Seltene Entwicklungsstörungen. In diesem Rahmen erfolgen jährliche strukturierte Datenbank-Recherchen zum Symptomspektrum, aktuelle klinische Empfehlungen, Präzisionstherapien sowie Selbsthilfegruppen. So gewährleisten wir eine Beratung, die stets dem neuesten wissenschaftlichen und medizinischen Stand entspricht.
Über das Rett-Syndrom (Stand 11/2025)
Pathogene Varianten im MECP2-Gen sind in weiblichen Patienten mit einem Spektrum von Entwicklungsstörung und neurologischen Auffälligkeiten assoziiert. Das klassische Rett-Syndrom wird von einer zumeist unauffälligen Entwicklung in den ersten 6-18 Monaten, gefolgt von einer kurzen Entwicklungsstagnation sowie einer Phase von Entwicklungsregression gefolgt von einer erneuten Stabilisierung gekennzeichnet. Des Weiteren wird in der medizinischen Fachliteratur ein Symptomspektrum von Einschränkung/Verlust zielgerichteter Handbewegungen bei zunehmenden stereotypen Handbewegungen (oft auch besonders ausgeprägt in der Phase der Entwicklungsregression), Entwicklungsstörung/Intelligenzminderung, die oft schwer ausgeprägt ist, Sprachverlust, Ganganomalien, Verlangsamung des Kopfwachstums, Krampfanfällen und Atemstörungen (Apnoe und/oder Hyperpnoe) assoziiert.
Zusätzlich können betroffene Patienten Tremor, Magen-Darm-Erkrankungen, Skoliose und Verhaltensstörungen (wiederkehrendes Weinen oder Schreien, autistische Auffälligkeiten, Schlafstörung und Bruxismus) entwickeln.
Neben dem sogenannten klassischen Rett-Syndrom (RTT), sind auch Patientinnen mit einem sogenannten Variante Rett-Syndrom, mit etwas unterschiedlichem Symptomspektrum und insgesamt oft leichter, seltener aber auch schwerer Symptomatik als die klassische Präsentation bekannt. Eine der atypischen Formen des Rett-Syndroms ist die Variante mit erhaltener Sprache (PSD oder Zappella-Variante), die eine mildere Verlaufsform aufweist. Betroffene verlieren die Sprache nicht vollständig und können teilweise in Sätzen sprechen. Zudem sind die manuellen Fähigkeiten besser erhalten als beim klassischen Rett-Syndrom. Die Zappella-Variante ist insbesondere mit bestimmten missense Varianten wie p.R133C oder mit sog. late-truncating Varianten im MEPC2-Gen assoziiert (Renieri et al. 2009).
Bei männlichen Patienten sind unterschiedliche klinische Präsentationen mit pathogenen Deletionen und Varianten assoziiert: schwere neonatale Enzephalopathie, das sog. PPM-X Syndrom mit Pyramidalzeichen, Parkinsonismus und große Hoden (Makroorchidismus) sowie schwere Intelligenzminderung mit oder ohne Dysmorphiezeichen. Bei männlichen Betroffenen mit einer schweren neonatalen Enzephalopathie wird eine erhöhte Sterblichkeit vor dem zweiten Geburtstag beschrieben, allerdings sind auch leichter betroffene männliche Patienten bekannt.
Das vom MECP2-Gen kodierte Protein hat eine Funktion in der Kommunikation zwischen Gehirnzellen.
Bisher wurden 535 pathogene Varianten im MECP2-Gen identifiziert, darunter acht häufige pathogene Varianten (R168X, R255X, R270X, R294X, R106W, R133C, T158M und R306C) (Choi et al. 2025). Pathogene MECP2-Varianten, die mit milderen Phänotypen assoziiert sind, umfassen: p.(Ala140Val) (insb. PPM-X bei Männern), p.(Arg133Cys) (bei Frauen und Männern), p.(Arg309Cys) (bei Frauen mit Intelligenzminderung und einigen Merkmalen von Rett-Syndrom). Es handelt sich bei dem Rett-Syndrom um eine seltene Erkrankung, die jedoch als eine der häufigen genetischen Ursachen für schwere geistige Behinderung gilt. Ca. 7:100.000 Frauen sind davon betroffen (Petriti et al. 2023).
Es gibt mehrere einflussreiche Selbsthilfegruppen weltweit. Das Rett-Syndrom ist, auch dank dieser Selbsthilfegruppen, Gegenstand reger Forschungsaktivitäten, auch bezüglich einer Gentherapie. Das amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) hat im März 2023 das erste Medikament für die Behandlung von Patienten mit Rett-Syndrom zugelassen. Daybue® (Wirkstoff: Trofinetide) zeigte in der Phase 3 Studie LAVENDER mit 187 teilnehmenden Patientinnen mit Rett-Syndrom (Alter 5-20 Jahren) eine signifikante Besserung basierend auf das gesamt Ergebniss des Rett-Syndrom-Verhaltensfragebogens (RSBQ) und der sog. Clinical Global Impression-Improvement-Skala. In Detail zeigten 13 % der Patientinnen eine deutliche Besserung und 22% eine leichte Besserung (Neul et al. 2023). Die häufigsten Nebenwirkungen waren Durchfall (82 %) und Erbrechen (29 %). Trofinetide ist seit September 2025 in Deutschland im Rahmen eines Härtefallprograms (Compassionate Use Program) verfügbar. Der Hersteller, Acadia Pharmaceuticals, hat den offiziellen Zulassungsantrag für Trofinetide bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) im Januar 2025 eingereicht.
Kontakt zu anderen Mitbetroffenen in Deutschland kann über die deutschsprachigen Selbsthilfeorganisationen www.rett.de und www.rett-syndrom-deutschland.de, oder über die internationalen Selbsthilfegruppen www.rettsyndrome.org, www.rettsyndrome.eu und www.reverserett.org, sowie in Deutschland über die Webseite www.kindernetzwerk.de oder über das MySyndrome Patientenregister in unserem Zentrum erfolgen. Die Selbsthilfegruppen sind oft über die sozialen Netzwerke verbunden.
Die Spezialsprechstunde für Patienten mit Rett-Syndrom wird in Deutschland von Prof. Dr. Wilken, SPZ Kassel, Tel: 0561 / 980-3096 geführt.
Zur Abklärung der Betroffenheit einzelner Organe empfehlen wir nach der Diagnosestellung bei Rett-Syndrom / Patienten mit einer pathogenen Variante im MECP2-Gen die Durchführung folgender diagnostischer Maßnahmen:
- Komplette pädiatrische und neurologische Anamnese und körperliche Untersuchung
- Entwicklungspsychologische Diagnostik
- Wach- und Schlaf-EEG sowie cMRT. cMRT-Auffälligkeiten sind häufig beschrieben, eine Korrelation zum klinischen Verlauf ist dennoch nicht zwangsläufig gegeben.
- Kardiologische Diagnostik, insb. z. A. QTc-Verlängerung
- Orthopädische Vorstellung bei Skoliose
- Schlaflabor bei Atem-Auffälligkeiten (insb. bei Apnoe), Heim-Monitor Versorgung je nach Klinik
- Hördiagnostik
- Augenärztliche Diagnostik
- Überprüfung der Ernährung und Essverhalten. Bei Schluckstörungen soll eine Sondenernährung erwähnt werden. Aggressive Behandlung der Obstipation ist empfohlen.
- Logopädische Diagnostik ab 2 Jahren Alter mit Erprobung von Ansätzen unterstützer Kommunikation, insb. eines Augensteuerungsgerätes.
- Symptomspezifische Abklärung für immunologische und skelettale Auffälligkeiten.
- Hilfsmittelversorgung je nach Alter und Bedarf
Im klinischen Alltag sind folgende Einzelheiten bei Patienten mit Rett-Syndrom/ Patienten mit einer pathogenen Variante im MECP2-Gen zu beachten:
- Im Säuglings- und Kleinkindesalter sind mind. halbjährliche, ab dem Schulalter mind. jährliche Vorstellungen in einem SPZ empfohlen, dabei sollten folgende Aspekte überprüft und besprochen werden:
- Kontrolle des Wachstums, Evaluation der Ernährung und Flüssigkeitszufuhr.
- Entwicklungsfortschritte und kommunikative Fähigkeiten.
- Verhaltensauffälligkeiten, Hinweise für Obstipation, Aspiration, respiratorischer Insuffizienz, epileptische Anfälle, Dysphagie, Skoliose, Vitamin D Mangel, Bewegung- und Tonusregulationsstörungen.
- Verlängerte QTc-Zeit bei jährlichen EKGs
- Neuropädiatrische Verlaufsdiagnostik (EEG, cMRT) ist bei entsprechender klinischer Symptomatik empfohlen. cMRT-Auffälligkeiten sind häufig, eine Korrelation zum klinischen Verlauf ist dennoch nicht zwangsläufig gegeben.
- Mindestens jährliche Schlaf-EEGs bei anfallsfreien Kindern
- Jährliche zahnärztliche Kontrollen.
- Augenärztliche Kontrolle und Hördiagnostik je nach Klinik.
- Apnoen und Hyperventillation, b. B. Schlaflabor, Monitorversorgung
- Therapeutische Begleitung. Komplexe Fördermaßnahmen sind durchgehend im Kindesalter empfohlen.
- Hilfsmittelversorgung
- Teilhabesicherung
- Sozialrechtliche Beratung bzgl. Pflegerad, Schwerbehindertenausweis und angemessenen Betreuungsmöglichkeiten je nach Bedarf.
- Medikamente, die die QTc-Zeit Verlängern sind zu vermeiden. Bei Kindern ist dabei insbesondere bei der Einnahme von z.B. Antibiotika, Antihistaminika, Antiemetika, Valproat, Chloralhydrat, Psychotropika, Antidepressiva oder Antiarrhythmika Vorsicht geboten. Eine ausführliche Liste ist unter www.crediblemeds.org (QTDrugs Lists) zu finden.
Falls eine Narkose notwendig wird, soll der Narkosearzt im Vorfeld über die genetische Diagnose sowie die Symptomatik des Patienten informiert werden. Ambulante Anästhesie ist – unter Einhaltung der Anästhesie Guidelines für Rett Syndrom - nur bei kurzen Eingriffen, die keine zusätzliche Beobachtung benötigen empfohlen (z. B. Oralchirurgie). Weitere Einzelheiten bzgl. einer Anästhesie sind unter www.orphananesthesia.eu zu finden.
Unser Angebot
In unserer Sprechstunde bieten wir:
- Beratung und Begleitung der Familien zu medizinischen, entwicklungsbezogenen und sozialrechtlichen Fragen
- Medizinische Einschätzung, Begleitung und Verlaufskontrollen im Rahmen der pädiatrischen Versorgung
- Individuelle Behandlungs- und Förderplanung orientiert an den Fähigkeiten und Bedürfnissen des Kindes
- Klinische Beratung
- Langfristige Betreuung vom Säuglingsalter bis zum 18. Geburtstag
- Zugang zu den diagnostischen und therapeutischen Angeboten des kbo-Kinderzentrums inkl. stationäre Intensivtherapien bei entsprechender Symptomatik und Förderbedarf
- Medikamentöse Therapieoption:In der Sprechstunde besteht die Möglichkeit einer Behandlung im Rahmen des Härtefallprogramms mit Trofinetide (Daybue®). Die Teilnahme erfolgt nach individueller Prüfung der Voraussetzungen und ausführlicher ärztlicher Aufklärung.
Unser Team
Sprechstundenleitung
ärztlich: Natali Kutlu, Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde
psychologisch: Sara Plaschke, Psychologin M.Sc.
Martina Harmening, Physiotherapeutin
Sabine Grolig, Logopädin
Kooperationen
Unsere Sprechstunde für Kinder mit Rett-Syndrom ist deutschlandweit vernetzt mit anderen Zentren für Patienten mit Rett-Syndrom, wie die Sprechstunde für Patienten mit Rett-Syndrom am Sozialpädiatrischen Zentrum in Kassel sowie am iSPZ Hauner in München.
Wie kann ich mich anmelden?
Alle Informationen zur Anmeldung finden Sie hier.
Damit Ihre Anmeldung in Kinderzentrum entsprechend weitergeleitet werden kann, bitten wir Sie „Sprechstunde für Kinder mit Rett-Syndrom“ sowie den genetischen Befund zu vermerken.