Sprechstunde für Kinder mit PURA-Syndrom
Herzlich willkommen in unserer Sprechstunde für Kinder mit PURA-Syndrom!
Wir stellen uns vor
In dieser Spezialsprechstunde bieten wir eine interdisziplinäre sozialpädiatrische Betreuung und Begleitung für betroffene Kinder, Jugendlichen und ihre Familien. Unser Ziel ist es, Familien auf Augenhöhe zu beraten, die Entwicklung und Lebensqualität unserer Patienten zu fördern, sowie medizinische Expertise zu Fragen der körperlichen Gesundheit zu vermitteln.
Die Sprechstunde gehört zum TUM/kbo Zentrum für Seltene Entwicklungsstörungen. In diesen Rahmen erfolgen jährliche strukturierte Datenbank-Recherchen zum Symptomspektrum, aktuellen klinischen Empfehlungen, Präzisionstherapien sowie Selbsthilfegruppen. So gewährleisten wir eine Beratung, die stets dem neuesten wissenschaftlichen und medizinischen Stand entspricht. Ebenfalls erfolgt in diesen Rahmen ein reger Austausch mit interessierten wissenschaftlichen Gruppen. Damit können am Standort München die wissenschaftliche Expertise der Forschungsgruppe unter Prof. Dr. rer. nat. Dirk Niessing am Helmholtz Zentrum mit der klinischen, sozialpädiatrischen Expertise des ZSEamKIZ für diese seltene Erkrankung vereint werden.
Über das PURA-Syndrom (Stand 09/2025)
Pathogene Varianten im PURA-Gen sind mit dem PURA-Syndrom in der medizinischen Fachliteratur assoziiert. Betroffene Patienten zeigen ein stark variables Symptomspektrum mit moderater bis schwerer, sprachbetonter Entwicklungsverzögerung, kleine Hände und Füße, Muskelhypotonie, Hypothermie, Hypersomnolenz, Fütterungsschwierigkeiten, Verstopfung, Schluckstörungen, Störungen der Atemregulation (Hyperventilation, wiederkehrende zentrale und/oder obstruktive Apnoen), epileptische Anfälle, nicht-epileptische Bewegungsstörungen (Ataxie, Dystonie, Dyskinesie und dyskonjugierte Augenbewegungen) und Sehstörungen (Nystagmus, Strabismus).
Seltener werden nicht-familiäre Gesichtszüge, angeborene Herzfehler, urogenitale Fehlbildungen, Skelettanomalien (Skoliose, Hüft-Dysplasie), erhöhter Speichelfluss (Hypersalivation) und endokrine Störungen (u.a. Störungen der Pubertätsentwicklung sowie Vitamin D Mangel) berichtet. In der zerebralen Bildgebung können bei einem Teil der Patienten Auffälligkeiten (Hypomyelinisierung, Parenchym-Atrophie, Auffälligkeiten des Corpus Callosum und der weißen Substanz, Vermis-cerebelli-Hypoplasie) gesehen werden.
Zudem ist ein Patient mit Weißfleckenkrankheit beschrieben (Mora-Martinez et al. 2024).
Bei Neugeborenen wird eine Ateminsuffizienz beschrieben, sodass Sauerstoffzufuhr oder mechanische Beatmung notwendig sein können. (OMIM, Genreviews, Falsaperla et al. 2024)
Das vom PURA-Gen kodierte Protein spielt eine zentrale, regulatorische Rolle in der Informationsübertragung vom Erbgut (DNA) in die menschlichen Zellen (DNA Replikation, Gen Transkription, RNA Transport und mRNA Translation). Es ist damit wichtig für eine Vielzahl an Prozessen, u.a. für die Entwicklung des Gehirns, der Bildung von Synapsen und der Proliferation von Nervenzellen. Es handelt sich um eine seltene Erkrankung, dennoch werden aktuell in der medizinischen Fachliteratur mehrere hunderte Fälle weltweit beschrieben.
Taniguchi 2025 beschrieben, dass Patienten mit 5q31.3-Deletionssyndrom mehr angeborene Defekte (50 % gegenüber 12 %, p < 0,0001), Atemprobleme (94 % gegenüber 63 %, p = 0,013) und Gehbehinderungen (94 % gegenüber 55 %, p = 0,0026) aufwiesen als Patienten mit PURA-Syndrom aufgrund einer intragenen Variante. Beim PURA-Syndrom waren proteinkürzende (Nonsense- oder Frameshift-)Varianten mit mehr Sprachdefiziten (93 % gegenüber 80 %, p = 0,014) assoziiert als nicht proteinkürzende (Missense- oder In-Frame-)Varianten. Die Position der PURA-Variante hatte keinen Einfluss auf das Auftreten angeborener Fehlbildungen oder die neurologische Entwicklung. Insgesamt wurden Atemprobleme, Gehbehinderungen und Sprachdefizite häufiger in der folgenden Reihenfolge beobachtet: 5q31.3-Deletion (94 % bzw. 94 % bzw. 100 %), multiple PUR-Repeat-Deletionen (68 %, 60 % bzw. 95 %), einzelne PUR-Repeat-Deletion oder -Veränderung (61 %, 53 % bzw. 85 %) und Deletion oder Veränderung außerhalb der PUR-Repeats (38 %, 33 % bzw. 43 %).
Ein mutationsspezifischer Therapieansatz i. S. einer Präzisionstherapie ist aktuell nicht bekannt. Wyrebek et al (2022) beschreiben deutliche Besserungen in Muskeltonus, Motorik, Apnoe und Atmung bei einem schwer betroffenen Säugling unter Pyridostigmin. Salbutamol wird in einzelnen Fällen zur Besserung des Muskeltonus bei schwer betroffenen Säuglingen gegeben (Qashqari et al. 2022). Eine ketogene Diät konnte bei einem Patienten effektiv die epileptischen Anfälle sowie den übermäßigen Speichelfluss verbessern (Falsaperla et al. 2024).
Kontakt zu anderen Mitbetroffenen kann über die Selbsthilfeorganisation PURA Syndrome Foundation (www.purasyndrome.org) erfolgen. Hier sind auch ausführliche Informationen auf Deutsch bzgl. der Erkrankung sowie des aktuellen Standes der wissenschaftlichen Forschung zu finden. Kontaktaufnahme für Patienten aus Europa, durch Ceciel van Hoeckel (c.vanhoeckel@pura-syndrome.org) möglich, auch auf Deutsch. Seit 2023 gibt es zudem eine Selbsthilfegruppe in Deutschland: https://pura-deutschland.de/. Zudem kann der Kontakt über die Webseite www.kindernetzwerk.de oder über das MySyndrome Patientenregister in unserem Zentrum erfolgen. Internationale Gruppen sind oft über die sozialen Netzwerke verbunden.
Zur Abklärung der Betroffenheit einzelnen Organen empfehlen wir nach der Diagnosestellung eines PURA-Syndroms die Durchführung folgender diagnostischer Maßnahmen:
- Komplette pädiatrische und neurologische Anamnese und körperliche Untersuchung
- Entwicklungsneurologische Untersuchung mit den besonderen Schwerpunkten z. A. Dysphagie, Hypoventilation/Apnoes, Epilepsie und Entwicklungsdiagnostik.
- cMRT bei Hypoventilation, Anfällen oder Auffälligkeiten in der neurologischen Untersuchung insb. der Augenbewegungen. Auffälligkeiten in der cMRT sind häufig, eine Korrelation zum klinischen Verlauf ist nicht zwangsläufig gegeben.
- Schlaf-EEG z. A. ESES/CSWS
- Augenärztliche Diagnostik (evtl. inkl. VEP)
- Kardiologische Diagnostik
- Sono Niere und ableitende Harnwege
- Symptomspezifische Abklärung für endokrinologische und skelettale Auffälligkeiten (einschl. Vit. D)
- Logopädische Diagnostik
- Überprüfung der Ernährung und Essverhalten
- Schlaflabor bei V. a. Schlafapnoe
Im klinischen Alltag sind folgende Einzelheiten bei Patienten mit PURA-Syndrom zu beachten:
- Im Säuglings- und Kleinkindalter sind mind. halbjährliche, ab dem Schulalter mind. jährliche Vorstellungen in einem SPZ empfohlen. Dabei sollten folgende Schwerpunkte beachtet werden: Apnoe, Hypoventilation, Dysphagie, Obstipation, Epilepsie, nicht-epileptische Bewegungsstörung, Skoliose, sek. Hüft-Dysplasie, Fußfehlstellung, Funktionsstörung der Schilddrüse oder der vorderen Hypophyse, Osteopenie, Vitamin D Mangel, Orthesen- und Hilfsmittelversorgung, Teilhabesicherung.
- Regelmäßige, im Kleinkindesalter mind. jährliche augenärztliche Kontrollen sind empfohlen.
- cMRT insb. bei Hypoventilation oder Auffälligkeiten in den Augenbewegungen. cMRT Auffälligkeiten sind häufig, eine Korrelation zum klinischen Verlauf ist dennoch nicht zwangsläufig gegeben.
- Hördiagnostik im Rahmen der Sekundärprävention.
- Falls eine Narkose notwendig wird, soll der Narkosearzt im Vorfeld die genetische Diagnose sowie den Patienten mit seiner Symptomatik kennenlernen, da die Patienten eine erhöhte Sensitivität gegenüber Sedativa aufweisen können. Eine ambulante Narkose ist nicht empfohlen, Hypothermie sollte aktiv verhindert werden. Siehe Narkose Leitlinien unter www.orphananesthesia.eu.
- Komplexe Fördermaßnahmen sind durchgehend im Kindesalter empfohlen.
Sozialrechtliche Beratung bzgl. Pflegerad, Schwerbehindertenausweis und angemessenen Betreuungsmöglichkeiten je nach Bedarf.
Unser Angebot
In unserer Sprechstunde bieten wir:
- Beratung und Begleitung der Familien zu medizinischen, entwicklungsbezogenen und sozialrechtlichen Fragen
- Medizinische Einschätzung, Begleitung und Verlaufskontrollen im Rahmen der pädiatrischen Versorgung
- Individuelle Behandlungs- und Förderplanung orientiert an den Fähigkeiten und Bedürfnissen des Kindes
- Klinische Beratung
- Langfristige Betreuung vom Säuglingsalter bis zum 18. Geburtstag
- Zugang zu den diagnostischen und therapeutischen Angeboten des kbo-Kinderzentrums inkl. stationäre Intensivtherapien bei entsprechender Symptomatik und Förderbedarf
Team:
Sprechstundenleitung
ärztlich: dr. med. Marta Somorai, Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde, Leitung SPZ und ZSEamKIZ
psychologisch: Dipl. Psych. Eva Schmidbauer
Martina Harmening, Physiotherapeutin
Sabine Grolig, Logopädin
Wie kann ich mich anmelden?
Alle Informationen zur Anmeldung finden Sie hier.
Damit Ihre Anmeldung in Kinderzentrum entsprechend weitergeleitet werden kann, bitten wir Sie „Sprechstunde für Kinder mit PURA-Syndrom“ sowie den genetischen Befund zu vermerken.