Zum Seitenanfang

Sprechstunde für Kinder mit Pitt-Hopkins-Syndrom

Herzlich willkommen in unserer Sprechstunde für Kinder mit Pitt-Hopkins-Syndrom!

 

 

Wir stellen uns vor

In dieser Spezialsprechstunde bieten wir eine interdisziplinäre sozialpädiatrische Betreuung und Begleitung für betroffene Kinder, Jugendlichen und ihre Familien. Unser Ziel ist es, Familien auf Augenhöhe zu beraten, die Entwicklung und Lebensqualität unserer Patienten zu fördern, sowie medizinische Expertise zu Fragen der körperlichen Gesundheit zu vermitteln.

Die Sprechstunde gehört zum TUM/kbo Zentrum für Seltene Entwicklungsstörungen. In diesen Rahmen erfolgen jährliche strukturierte Datenbank-Recherchen zum Symptomspektrum, aktuellen klinischen Empfehlungen, Präzisionstherapien sowie Selbsthilfegruppen. So gewährleisten wir eine Beratung, die stets dem neuesten wissenschaftlichen und medizinischen Stand entspricht. Darüber hinaus besteht eine enge Kooperation mit der deutschen Pitt-Hopkins Selbsthilfegruppe (à Digitales Netzwerk von und für deutschsprachige Angehörige von Menschen mit dem Pitt-Hopkins-Syndrom), um Familien zusätzliche Unterstützung und Vernetzung zu ermöglichen.

 

 

Über das Pitt-Hopkins-Syndrom (Stand 01/2026)

Pathogene Varianten im TCF4-Gen sind mit dem Pitt-Hopkins-Syndrom in der medizinischen Fachliteratur assoziiert. Betroffene Patienten zeigen ein variables Symptomspektrum mit sprachbetonter Entwicklungsstörungen/Intelligenzminderung unterschiedlicher Ausprägung (moderat bis schwer) (100%), Verhaltensauffälligkeiten (100%, Stereotypien und Symptome aus dem Autismus-Spektrum), Schlafstörungen (33-43%), charakteristischen Gesichtszügen (90-95%), verstärktem Speichelfluss (80%), muskulärer Hypotonie (73-90%) und skelettalen Auffälligkeiten (~100% Auffälligkeiten der Hände und Füße, vor allem Senkfüße/Plattfüße, 20-25% Skoliose), autonomer Dysfunktion mit Störungen der Darmbewegungen inkl. Obstipation (78-95%, z. T. zu funktionellen Darmverschluss führend), Störungen der Atmungsregulation (54-75%) sowie Harnverhalt bei Jugendlichen bis ca. 40 % der Erwachsenen, des Weiteren mit Krampfanfällen (32-50%), Auffälligkeiten der Augen/Fehlsichtigkeit (50-60%, oft eine höhergradige Myopie, Schielen) sowie Auffälligkeiten der Genitalien (33%). Seltener werden kleiner Kopfumfang (23-60%), Kleinwuchs (15%) und Schwerhörigkeit (10%) berichtet. Betroffene Kinder zeigen oft einen fröhlichen Habitus.

Dennoch werden auch Verhaltensphasen mit Aggressionsausbrüchen und Selbstverletzung berichtet, die durch Angst, Frustration oder Schmerzen ausgelöst werden können, insb. im Jugendalter. Betroffene weisen eine ausgeprägte Affinität zu Musik auf; Familien berichten häufig, dass Musik in Phasen von Angst oder Frustration eine sehr beruhigende Wirkung hat (GeneReviews Stand 2025). Das Durchschnittsalter bei Erreichen der Lauffähigkeit liegt zwischen vier und sechs Jahren (Spanne: 27 Monate bis 7 Jahre). Die Atembeschwerden sind durch Hyperventilation gefolgt von Phasen verlangsamter Atmung oder Apnoe gekennzeichnet und stehen häufig im Zusammenhang mit starken Emotionen wie Angst oder Aufregung (Sozańska et al 2025). Auffälligkeiten der Atmungsregulation entwickeln sich tendenziell im Alter zwischen drei und sieben Jahren. Die zerebrale Bildgebung ist in vielen Fällen unauffällig. Wenn vorhanden, gehören zu den häufigsten Auffälligkeiten Veränderungen der weißen Substanz, Ventrikelerweiterungen, erweiterte Sulci, Auffälligkeiten der hinteren Schädelgrube, kleine Hippocampi sowie frontale Hypoplasie (Gene Reviews Stand 2025).

Das TCF4-Gen hat eine Funktion in der Informationsübertragung vom Erbgut (DNA) in die menschlichen Zellen (Helix-Loop-Helix-Transkriptionsfaktor). Bei 70% der Patienten mit Pitt-Hopkins-Syndrom liegt eine pathogene Variante im TCF4-Gen vor, in 30% der Fälle findet sich eine heterozygote Deletion im Bereich 18q21.2 auf Chromosom 18, die das TCF4-Gen einschließt (GeneReviews Stand 2025).

  • Pathogene Nonsense- oder Frameshift Varianten in den Exons 7 und 8 () führen meist zu einem „inkompletten PTHS-Phänotyp“. Die Betroffenen zeigen weniger markante Gesichtszüge sowie eine moderate bis schwere geistige Behinderung.
  • Pathogene Varianten in den Exons 9-19 führen typischerweise zum klassischen PTHS-Phänotyp.
  • Pathogene Varianten in Exons 1-6 sind mit einer geistigen Behinderung variablen Schweregrades assoziiert, wobei die charakteristischen Gesichtsmerkmale oder körperlichen Anzeichen des Pitt-Hopkins-Syndroms nur minimal oder gar nicht ausgeprägt sind.
  • Bei 18q-Deletionen, die TCF4 und benachbarte Gene betreffen, treten häufiger angeborene Herzfehler, Wachstumshormonmangel und Gehörgangsatresien oder -stenosen auf.
  • Deletionen, die größer als ca. 12 Mb sind, weisen seltener die typischen PTHS-Merkmale auf und sollten eher dem 18q-Deletionssyndrom zugeordnet werden.

Es handelt sich um eine seltene Erkrankung, dennoch seit mehreren Jahrzehnten bekannt und in der medizinischen Fachliteratur gut beschrieben. Die Häufigkeit des Pitt-Hopkins-Syndroms liegt schätzungsweise bei bis zu 1:11.000.

 

Ein mutationsspezifischer Therapieansatz i. S. einer zugelassenen Präzisionstherapie ist aktuell nicht bekannt. Nicardipin, ein Medikament für die Behandlung von Bluthochdruck zeigte in Tierexperimenten (Ekins et al. 2020) und bei einem Patienten (Somorai et al. 2025) eine Verbesserung des Verhaltens. Das Pitt-Hopkins-Syndrom ist Gegenstand reger Forschungsaktivitäten: NNZ-2591 (Cyclo-L-Gllycyl-L-2-Allylproline) wurde in den USA im Rahmen einer klinischen Studie untersucht und führte zu einer Verbesserung von Kognition, Motorik und Kommunikation bei 82% der Teilnehmer (Clinicaltrials.gov ID: NCT05025332) (s.u.). Cleary et al (2021) beschreiben positive Effekte insbesondere der Schlafapnoe im Tiermodell unter PF-04531083, das ein Effekt auf die Funktion von Natrium-Kanäle hat. Mikrobiota-Transfer-Therapien zeigte in einer Fallserie von 6 Patienten Verbesserungen in der Darmbewegung sowie Unruhe und Schlafstörung. Für den Wirkstoff RVL-001 (Vorinostat), sowie für erste Gentherapie Ansätzen, inkl. den optimalen Zeitpunkt für eine Gentherapie werden aktuell in den USA klinische Studien geplant.

 

Kontakt zu anderen Mitbetroffenen kann über die internationale Selbsthilfegruppe pitthopkins.org oder in Deutschland über die Selbsthilfeorganisation pitthopkins.de, über die Webseite www.kindernetzwerk.de oder über das MySyndrome Patientenregister in unserem Zentrum erfolgen. Internationale Gruppen sind oft über die sozialen Netzwerke verbunden.

 

Zur Abklärung der Betroffenheit einzelnen Organen empfehlen wir nach der Diagnosestellung bei Pitt-Hopkins-Syndrom die Durchführung folgender diagnostischer Maßnahmen:

  • Komplette pädiatrische und neurologische Anamnese und körperliche Untersuchung
  • Polysomnogram (inkl. Schlaf-EEG) als Basisuntersuchung
  • Bei Atmungsauffälligkeiten, insb. bei Apnoe / Zyanose sollte neben dem Schlaflabor auch eine pulmonologische Diagnostik erfolgen.
  • Augenärztliche Diagnostik
  • Hördiagnostik
  • Sono Niere und ableitender Harnwege z. A. Fehlbildung
  • cMRT bei Anfällen oder Auffälligkeiten in der neurologischen Untersuchung. Aktuelle Empfehlungen in den USA bevorzugen ein cMRT bei allen Patienten (Quelle: GeneReviews 2025. cMRT Auffälligkeiten sind in einem Teil der Patienten beschrieben (s.o.), eine Korrelation zum klinischen Verlauf ist dennoch nicht zwangsläufig gegeben.
  • Symptomspezifische Abklärung für skelettale und urogenitale Auffälligkeiten.
  • Orthopädische Vorstellung bei Skoliose oder Fußfehlstellungen sowie zur Hilfsmittelversorgung
  • Entwicklungspsychologische Diagnostik.
  • Logopädische Diagnostik mit besonderem Augenmerk auf die mögliche Anwendung von unterstützen Kommunikationsansätzen.
  • Gastroenterologische Abklärung bei u.a. Hinweisen auf Reflux oder schwerer Obstipation
  • Überprüfung der Ernährung und Essverhalten

 

Nach abgeschlossener Erstabklärung empfehlen im Verlauf folgende klinischen Untersuchungen, je nach Organsystem:

  • Mindestens jährliche augenärztliche Vorstellung
  • Im Kleinkindesalter mindestens jährliche Hördiagnostik, später alle 2-3 Jahre bei unauffälligen Befunden.
  • EEG Kontrollen bei klinischen Hinweisen auf Epilepsie, deutlichen Auffälligkeiten in den Vor-EEGs sowie Ausschluss ESES im Alter von 3 Jahren.
  • MRT-Schädel bei klinischen Auffälligkeiten, nicht routinemäßig.
  • Kardiologische Kontrollen benötigen v. a. Patienten mit deutlicher vegetativer Störung (Herzrythmusstörungen) sowie im seltenen Fall eines angeborenen Vitiums.
  • Nächtliche Apnoen benötigen Abklärung im Schlaflabor z. A. zentrale Apnoen.
  • Eine aggressive Behandlung der Obstipation ist erforderlich. Die meisten Patienten benötigen durchgehend eine Macrogol Therapie, oft ergänzt mit Simethicon, auch um die Schlafqualität zu verbessern.
  • Eine orthopädische Mitversorgung ist bei beinahe allen Patienten erforderlich, inkl. Versorgung mit Orthesen der unteren Extremitäten und weiteren Hilfsmittel (Therapiestuhl, Reha-Buggy), um die Teilhabe zu verbessern.
  • Die meisten Patienten profitieren vom Einsatz von unterstützter Kommunikation, bereits im frühen Kindesalter, wir empfehlen die erste Überprüfung diesbezüglich im Alter von 2 Jahren.
  • Die z. T. schwere Schlafstörung kann sich unter Behandlung mit Melatonin verbessern.

 

Allgemeine Empfehlungen für Patienten mit genetischen Entwicklungsstörungen:

  • Wir empfehlen eine sozialpädiatrische Anbindung mit regelmäßigen Kontrollen (halbjährlich vor der Einschulung, jährlich im späteren Verlauf) um alle Aspekte des Entwicklungsverlaufes, der Verhaltenssteuerung, organische Betroffenheit bei genetischer Grunderkrankung, Förderungen sowie Teilhabesicherung zu überprüfen.
  • Regelmäßige, im Kleinkindalter mind. jährliche augenärztliche Kontrollen und Hördiagnostik sind selbst wenn im Symptomspektrum keine gesonderten Einschränkungen in diesen Bereichen beschrieben werden im Rahmen der Sekundärprävention empfohlen.
  • Regelmäßige, 6-12-monatliche zahnärztliche Kontrollen, am besten in einer Kinderarztpraxis empfohlen. Bzgl. Untersuchungen in Narkose für zahnärztlichen Kontrollen sowie Eingriffen, s.u.
  • Vorbereitung der Transition in die erwachsenenmedizinische Versorgung ab dem Alter von 15 Jahren.
  • Falls eine Narkose notwendig wird, soll der Narkosearzt im Vorfeld die genetische Diagnose und den Patienten mit seiner Symptomatik kennenlernen. Eine ambulante Narkose ist insbesondere bei insgesamt schwer betroffenen und jungen Patienten, sowie bei Patienten mit Epilepsie, deutlicher Muskelhypotonie und schwerer Verhaltensstörung kritisch zu diskutieren. Internationale Narkose Empfehlungen sind für einzelne genetische Erkrankungen unter www.orphananesthesia.eu frei zugänglich.
  • Komplexe Fördermaßnahmen sind durchgehend im Kindesalter, je nach Stärke der klinischen Symptomatik empfohlen.

Sozialrechtliche Beratung bzgl. Pflegerad, Schwerbehindertenausweis und angemessenen Betreuungsmöglichkeiten je nach Bedarf.

Forschung und Weiterentwicklung

In der Forschungsgruppe Seltene Entwicklungsstörungen und Präzisionstherapien am Lehrstuhl Sozialpädiatrie der TU München wird in Kooperation mit der PTHS Deutsche Selbsthilfe aktuell eine Orphan Drug Designation durch die EMA für den Wirkstoff Nicardipin angestrebt, um weitere klinische Untersuchungen für diesen Präzisionstherapie-Ansatz zu erleichtern. Die Fallbeschreibung über die erste mit Nicardipin behandelte Patientin finden Sie unter Repurposing nicardipine leads to improved development in a young patient with Pitt–Hopkins syndrome - PMC) (Somorai MA, Ekins S, Rupprecht C, Lettl C, Mall V. Repurposing nicardipine leads to improved development in a young patient with Pitt-Hopkins syndrome. Front Pharmacol. 2025 Jul 25;16:1592011. doi: 10.3389/fphar.2025.1592011. PMID: 40786031; PMCID: PMC12331575).

 

 

Unser Angebot

In unserer Sprechstunde bieten wir:

  • Beratung und Begleitung der Familien zu medizinischen, entwicklungsbezogenen und sozialrechtlichen Fragen
  • Medizinische Einschätzung, Begleitung und Verlaufskontrollen im Rahmen der pädiatrischen Versorgung
  • Individuelle Behandlungs- und Förderplanung orientiert an den Fähigkeiten und Bedürfnissen des Kindes
  • Klinische Beratung
  • Langfristige Betreuung vom Säuglingsalter bis zum 18. Geburtstag

 

 

Team:

Sprechstundenleitung

ärztlich: dr. med. Marta Somorai, Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde, Leitung SPZ und ZSEamKIZ

psychologisch: Alin Fosselmann, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin

Martina Harmening, Physiotherapeutin

Sabine Grolig, Logopädin

 

 

 

Kooperation

PTHS Deutsche Selbsthilfe Gruppe:Digitales Netzwerk von und für deutschsprachige Angehörige von Menschen mit dem Pitt-Hopkins-Syndrom

 

Wie kann ich mich anmelden?

Alle Informationen zur Anmeldung finden Sie hier.

Damit Ihre Anmeldung in Kinderzentrum entsprechend weitergeleitet werden kann, bitten wir Sie „Sprechstunde für Kinder mit Pitt-Hopkins-Syndrom“ sowie den genetischen Befund zu vermerken.