Sprechstunde für Kinder mit Phelan-McDermid-Syndrom
Willkommen
Herzlich willkommen in unserer Spezialsprechstunde für Kinder mit Phelan-McDermid-Syndrom am TUM/kbo Zentrum für Seltene Entwicklungsstörungen! Wir begleiten Kinder und Jugendliche mit Phelan-McDermid-Syndrom und ihre Familien nach individuellem Bedarf und im Verlauf. Unser Ziel ist es, betroffene Kinder und ihre Familien von der Diagnosestellung an kompetent, empathisch und langfristig zu begleiten.
Unser Ansatz:
Wir verfolgen einen umfassenden und familienzentrierten Ansatz. Dabei stehen nicht nur medizinische Aspekte und eine detaillierte entwicklungspsychologische Testung im Fokus, sondern auch die Lebensqualität und Teilhabe der Kinder im Alltag, Kindergarten und Schule. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Eltern, Bezugspersonen und externen Fachstellen sind für uns essenziell.
Die Sprechstunde gehört zum TUM/kbo Zentrum für Seltene Entwicklungsstörungen. In diesem Rahmen erfolgen jährliche strukturierte Datenbank-Recherchen zum Symptomspektrum, aktuelle klinische Empfehlungen, Präzisionstherapien sowie Selbsthilfegruppen. So gewährleisten wir eine Beratung, die stets dem neuesten wissenschaftlichen und medizinischen Stand entspricht.
Über das Phelan-McDermid-Syndrom (Stand 06/2026)
Pathogene Varianten im SHANK3-Gen sind mit dem Phelan-McDermid Syndrom in der medizinischen Fachliteratur assoziiert. Betroffene Patienten zeigen ein stark variables Symptomspektrum mit Entwicklungsverzögerung/Intelligenzminderung unterschiedlicher Ausprägung (98%), oft sprachbetont (87%), z.T. mit Entwicklungsrückschritten (47%), charakteristischen Gesichtszügen, Fütterungsschwierigkeiten im frühen Kindesalter, Muskelhypotonie (vor allem in der Neugeborenenzeit, 75%), nicht epileptische Bewegungsstörungen (69%), Epilepsie (>60%), Schlafstörungen (53% der Kleinkinder, 90% der Erwachsenen), reduziertes Schmerzempfinden (67%) und Verhaltensauffälligkeiten (>81%, u.a. Symptome aus dem Autismusspektrum (60%), Unruhe/Hyperaktivität (80%), gewohnheitsmäßigem Kauen oder Mundbewegungen, erhöhte Prädisposition für psychische Auffälligkeiten im Erwachsenalter). Seltener werden Auffälligkeiten des Gebisses (36%), der Augen (23% Strabismus, 23% Fehlsichtigkeit), des Herzens (13%, angeboren) und der Nieren (13%), sowie verringertes Schwitzen/Neigung zu Überhitzung (31%), gastrointestinale Symptome (gastroösophagealer Reflux (24%), Obstipation (41%)), Lymphödeme (10%), Hypothyreose (3-6%), frühes Einsetzten der Pubertät (13%) und Schwerhörigkeit (9%) beschrieben. Die zerebrale Bildgebung zeigt bei einem Teil der Patienten (49%) Auffälligkeiten (u.a. verzögerte Myelinisierung, Agenesie des Corpus callosum, Ventrikulomegalie, Atrophie der weißen Substanz und andere Anomalien der weißen Substanz, großer extrazerebraler Raum, große Cisterna magna und Arachnoidalzyste). (GeneReviews Stand 2024, Orphanet Stand 2024, Asta et al 2024, Srivastava et al. 2023)
Patienten mit einem Ring-Chromosom 22 können ebenfalls Symptome einer NF2-assoziierten Schwannomatose zeigen. Insgesamt scheinen Patienten mit einem Deletionssyndrom betr. das SHANK3-Gen (Deletion 22q13.33) insbesondere in der kognitiven Entwicklung und in der Verhaltenssteuerung deutlicher betroffener zu sein, als Patienten, die eine intragene Mutation im SHANK3-Gen aufweisen.
Das SHANK3-Gen kodiert das SHANK3 Protein, ein sog. Gerüstprotein in den Synapsen des menschlichen Gehirns. Es handelt sich hierbei um eine seltene, dennoch seit Jahrzehnten bekannte und in der medizinischen Fachliteratur gut beschriebene Erkrankung.
Individuelle Heilversuche mit intranasalem Insulin werden in mehreren Ländern durchgeführt (Schmidt et al 2009, Zwanenburg et al 2016) und zeigen positive Effekte auf das Verhalten sowie in einzelnen Fällen auf die kognitive Entwicklung der Kinder bei günstigem Nebenwirkungsspektrum. In weiteren wissenschaftlichen Studien wurden in den letzten Jahren sowohl in Tiermodellen wie auch in kleinen klinischen Studien die Wirksamkeit mehrerer Substanzen (IGF1, rhGH, Bromid, Valproinsäure, Risperidon) sowie von ketogener Diät untersucht (Kolevzon et al. 2022, Derieux et al. 2022). Bei NMDA-Rezeptor Unterfunktion zeigten L-Serin in einem Mausmodell positive Wirkungen (Zang et al 2022). Das Medikament NNZ-2591 (Ercanetid, ein synthetisches Analogon des Metaboliten zyklisches Glycin-Prolin) hat sich ebenso bei einer klinischen Studie als sicher und wirksam erprobt (Neumeyer et al 2026), aktuell läuft in den USA die Phase III Zulassungsstudie. Erste vorläufige Daten zeigen Hinweise auf eine Wirkung von AMO-01 (RAS-ERK-pathway Inihibitor) bei der Behandlung von Epilepsie (Levy et al. 2025) und von Cannabinoiden für die Behandlung von Epilepsie und Verhaltensauffälligkeiten (Chorin et al. 2025), es sind jedoch größere Studien erforderlich, um die Wirksamkeit zu bestätigen. Für das Phelan-McDermid-Syndrom laufen derzeit zwei klinische Gentherapie-Studien, nämlich RB001 (in China) und JAG201 (in den USA).
Eine Reihe weiterer Wirkstoffe und Medikamente wurden bereits als potentielle Medikamente für das Phelan-McDermid-Syndrom untersucht (Lithium (Ioannidis et al. 2024), intranasales Oxytocin (Szabo et al. 2024, Lyu et al. 2025, Fastman et al. 2021), NMDA Modulator Zelquistinel (Fonteneau 2024), Lamotrigin (Guo et al. 2024), Benproperine (Thibaudeau et al. 2024), extrazellulären Vesikeln mit mesenchymalen Stammzellen und iPSCs (Choudhary et al. 2026), Metformin (Marsal-García et al. 2026), mGluR5 Modulator VU0409551 (Giona 2025)). Aktuell gibt es keine bedeutsame Evidenz für die klinische Verwendung bei keinem dieser Wirkstoffe.
Kontakt zu anderen Mitbetroffenen kann über die Selbsthilfeorganisation Phelan-McDermid-Gesellschaft e.V. (https://www.22q13.info), über das MySyndrome Patientenregister in unserem Zentrum oder über www.kindernetzwerk.de erfolgen. Internationale Gruppen sind oft über die sozialen Netzwerke verbunden.
Zur Abklärung der Betroffenheit einzelnen Organen empfehlen wir nach der Diagnosestellung bei Phelan-McDermid-Syndrom die Durchführung folgender diagnostischer Maßnahmen:
- Komplette pädiatrische und neurologische Anamnese und körperliche Untersuchung
- Entwicklungspsychologische Diagnostik insb. bezüglich Entwicklungsrückschritten, Verhaltensauffälligkeiten und Symptome aus der autistischen Formenkreis
- Schlaf-EEG
- cMRT bei Mikrozephalie, Anfällen, Symptomen intrakranieller Druckerhöhung, Entwicklungsrückschritten oder Auffälligkeiten in der neurologischen Untersuchung. cMRT Auffälligkeiten sind häufig (49%) beschrieben, eine Korrelation zum klinischen Verlauf ist dennoch nicht zwangsläufig gegeben.
- Augenärztliche Diagnostik
- Hördiagnostik insb. bei Patienten mit Ringchromosombildung
- Zahnärztliche und ggf. kieferorthopädische Untersuchung
- Kardiologische Diagnostik
- Sono Niere und ableitender Harnwege z. A. Fehlbildung (z. B. dysplastische oder zystische Nierenfehlbildungen), weiterführende urologische Diagnostik nur bei klinischen oder sonographischen Auffälligkeiten - empfohlen
- Labordiagnostik zur Überprüfung der Schilddrüsen Funktion, insb. bei Müdigkeit / vermindertem Antrieb im Alltag oder Rückschritte in der kognitiven Entwicklung oder in der Koordination, sowie der Leberfunktion
- Logopädische Diagnostik auch zur Abklärung bzgl. Anwendung von Maßnahmen unterstützter Kommunikation
- Überprüfung der Ernährung und Essverhalten (inkl. Aspirationsrisiko und gastroösophagealer Reflux)
- Schlaflabor bei V. a. Schlafapnoe
- Bei r(22) zusätzlich: ab 10-12 Jahre MRT des Schädels und dermatologische Untersuchung
Nach abgeschlossener Erstabklärung empfehlen wir im Verlauf folgende regelmäßige klinischen Untersuchungen, je nach Organsystem bei Kindern mit Phelan-McDermid-Syndrom:
- Regelmäßige, im Kleinkindalter mind. jährliche augenärztliche Kontrollen sind empfohlen.
- Regelmäßige zahnärztliche Vorstellungen
- Regelmäßige im Kleinkindalter mind. jährliche Hördiagnostik, insb. bei Patienten mit Ringchromosom 22 (Bei Patienten mit Ringchromosom 22 und damit erhöhtem Risiko auf NF2 sind weitere Besonderheiten zu beachten und regelmäßige Screenings empfohlen.)
- Regelmäßige Entwicklungsdiagnostik und Anpassung der Förderung. Bei etwa die Hälfte der Betroffenen wurden Entwicklungsrückschritten beschrieben.
- Neurologische Diagnostik (EEG, MRT-Schädel) bei entsprechender Symptomatik (z. B. Anfangsverdacht oder Symptomen von intrakranieller Druckerhöhung) Neuropädiatrische Verlaufsdiagnostik (EEG, cMRT) ist bei entsprechender klinischer Symptomatik empfohlen. cMRT Auffälligkeiten sind häufig (49%), eine Korrelation zum klinischen Verlauf ist dennoch nicht zwangsläufig gegeben
- Jährliche Labordiagnostik mit Basis Labor sowie zur Überprüfung der Schilddrüsen Funktion, insb. bei verminderter Aktivität oder Rückschritte in der kognitiven Entwicklung
- Kardiologische Verlaufskontrollen insb. bei großen Deletionen und bei Ringchromosom (auch z. A. Aortendilatation) sowie bei Kindern mit schwer behandelbarer Epilepsie/ erhöhtem SUDEP Risiko (Esmel-Vilomara 2024; Gluckman et at 2025).
- Eine orthopädische Mitversorgung ist bei vielen Patienten im frühen Kindesalter erforderlich, inkl. Versorgung mit Orthesen der unteren Extremitäten oder Kontrolle der Skoliose sowie Versorgung mit weiteren Hilfsmitteln (Therapiestuhl, Reha-Buggy) zur Verbesserung der Teilhabe.
- Die Schlafstörung kann sich unter Behandlung mit Melatonin verbessern.
- Manche Patienten benötigen eine durchgehende Behandlung der Obstipation mit Macrogol.
- Einige Patienten profitieren vom Einsatz von unterstützter Kommunikation, bereits im frühen Kindesalter, wir empfehlen die erste Überprüfung diesbezüglich im Alter von 2-3 Jahren.
- CAVE: Wegen häufig erniedrigter Perspiration (mangelnde Fähigkeit zum Schwitzen) sollte eine Überhitzung durch Sonnenstrahlen oder hohen Temperaturen vermieden werden. Bei erniedrigtem Schmerzempfinden sollte besondere Acht auf Verletzungen durch Hitze, Kälte, scharfe Gegenstände oder enge Kleidung gegeben werden.
- Im Jugend- und Erwachsenenalter regelmäßige Kontrollen eines evtl. Lymphödems.
- Falls eine Narkose notwendig wird, soll der Narkosearzt im Vorfeld die genetische Diagnose und den Patienten mit seiner Symptomatik kennenlernen. Eine ambulante Narkose ist insbesondere bei insgesamt schwer betroffenen und jungen Patienten, sowie bei Patienten mit Epilepsie, deutlicher Muskelhypotonie und schwerer Verhaltensstörung kritisch zu diskutieren. Internationale Narkose Empfehlungen sind für Pheland-McDermid Syndrom unter www.orphananesthesia.eu frei zugänglich
Allgemeine Empfehlungen für Patienten mit genetischen Entwicklungsstörungen:
- Wir empfehlen eine sozialpädiatrische Anbindung mit regelmäßigen Kontrollen (halbjährlich vor der Einschulung, jährlich im späteren Verlauf) um alle Aspekte des Entwicklungsverlaufes, der Verhaltenssteuerung, organische Betroffenheit bei genetischer Grunderkrankung, Förderungen sowie Teilhabesicherung zu überprüfen.
- Regelmäßige, im Kleinkindalter mind. jährliche augenärztliche Kontrollen und Hördiagnostik sind im Rahmen der Sekundärprävention empfohlen, selbst wenn im Symptomspektrum keine gesonderten Einschränkungen in diesen Bereichen beschrieben werden.
- Regelmäßige, 6-12-monatliche zahnärztliche Kontrollen, am besten in einer Kinderarztpraxis empfohlen. Bzgl. Untersuchungen in Narkose für zahnärztlichen Kontrollen sowie Eingriffen, s.u.
- Vorbereitung der Transition in die erwachsenenmedizinische Versorgung ab dem Alter von 15 Jahren.
- Falls eine Narkose notwendig wird, soll der Narkosearzt im Vorfeld die genetische Diagnose und den Patienten mit seiner Symptomatik kennenlernen. Eine ambulante Narkose ist insbesondere bei insgesamt schwer betroffenen und jungen Patienten, sowie bei Patienten mit Epilepsie, deutlicher Muskelhypotonie und schwerer Verhaltensstörung kritisch zu diskutieren. Internationale Narkose Empfehlungen sind für einzelne genetische Erkrankungen unter www.orphananesthesia.eu frei zugänglich.
- Komplexe Fördermaßnahmen sind über die gesamte Kindheit hinweg je nach Symptomatik indiziert.
- Sozialdienstliche Beratung bzgl. Pflegerad, Schwerbehindertenausweis und angemessenen Betreuungsmöglichkeiten je nach Bedarf.
Unser Angebot
In unserer Sprechstunde bieten wir an:
- Beratung und Begleitung der Familien zu medizinischen, entwicklungsbezogenen und sozialrechtlichen Fragen
- Medizinische Einschätzung, Begleitung und Verlaufskontrollen im Rahmen der pädiatrischen Versorgung
- Individuelle Behandlungs- und Förderplanung orientiert an den Fähigkeiten und Bedürfnissen des Kindes
- Klinische Beratung
- Langfristige Betreuung vom Säuglingsalter bis zum 18. Geburtstag
- Zugang zu den diagnostischen und therapeutischen Angeboten des kbo-Kinderzentrums, inkl. stationäre Intensivtherapien bei entsprechender Symptomatik und Förderbedarf
- Medikamentöse Therapieoptionen: In unserer Sprechstunde für Kinder mit Phelan-Mc Dermid-Syndrom besteht die Möglichkeit, einen individuellen Therapieversuch mit intranasalem Insulin zu veranlassen. Die Teilnahme erfolgt nach individueller Prüfung der Voraussetzungen und ausführlicher ärztlicher Aufklärung. Wir haben mit diesem individuellen Heilversuch im Kinderzentrum viel Erfahrung und unterstützen die Eltern bei Kostenübernahme Anträgen für die Krankenkasse. Darüber hinaus entscheiden wir nach individueller Prüfung, ob ggf in zweiter Linie ein Therapieversuch mit L-Serin in Frage kommt.
Team:
Sprechstundenleitung
ärztlich: Dr. med. Ilona Baumann-Palencia, Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde
psychologisch: Dipl. Psych. Nadin Pannach
Wie kann ich mich anmelden?
Alle Informationen zur Anmeldung finden Sie hier.
Damit Ihre Anmeldung in Kinderzentrum entsprechend weitergeleitet werden kann, bitten wir Sie „Sprechstunde für Kinder mit Phelan-McDermid-Syndrom“ zu vermerken und den genetischen Befund mitzuschicken.